Das Gendersternchen oder: Die neue Gretchenfrage

Englisch ist die Sprache, die uns als Science Inbound-Team verbindet. Daher haben wir unsere neue Website auf Englisch konzipiert und geschrieben. Von Anfang an stand aber auch fest, dass wir eine deutsche Übersetzung der Inhalte brauchen. Denn der Löwenanteil unserer Zugriffe kommt aus deutschsprachigen Ländern, und – Hand aufs Herz – selbst Menschen, die täglich englische Texte lesen, übersehen gelegentlich Zwischentöne und Nuancen. Das wollten wir vermeiden.

Kein Problem, dachte ich mir, schließlich bin ich ja Übersetzerin. Und Webseitentexte sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie Wortspiele und feste Wendungen möglichst elegant in die Zielsprache übertragen werden – wir nennen das auch Transkreation. So wird aus Don't break the mold. Rethink it im Deutschen: Sprengen Sie nicht den Rahmen. Erfinden Sie ihn neu.

Tatsächlich ging die Arbeit flott voran – mit einer Ausnahme. Was mache ich mit Begriffen wie customers, readers, scientists? Schließlich sind wir Texterinnen, und erhalten viele Aufträge von Auftraggeberinnen. An gendergerechter Sprache ging auf einmal kein Weg mehr vorbei.

Und in dem Moment wurde mir klar, dass unsere Branche – Biotech und Pharma – hier gnadenlos hinterherhinkt. Nach fast 20 Jahren Berufserfahrung war ich zum ersten Mal mit der Gretchenfrage konfrontiert: Wie halte ich es mit dem Gendersternchen?

Also Kundinnen und Kunden, LeserInnen mit „Binnen-Majuskel“ oder gar Wissenschaftler*innen? Schwierig, denn ein deutscher Text ist sowieso schon länger als der englische Ausgangstext, und ich brauchte knackige, gut lesbare Inhalte, die in das Format der Webseiten passten.

Am Ende gab es nicht die eine Lösung. Stattdessen habe ich wild kombiniert: Wenn ich von Anja, Julia und mir gesprochen habe, musste es die rein weibliche Form sein: Wissenschaftlerinnen, Texterinnen, Muttersprachlerinnen. Häufig gab es einen geeigneten Oberbegriff: Publikum oder Zielgruppe für reader. Dann wieder fand ich das zu bemüht, oder hatte zu wenig Platz und bin bei der männlichen Form geblieben. Und manchmal habe ich einfach improvisiert: Aus scientists and engineers wurden Wissenschaftler und Ingenieurinnen. Nur mal so, um für einen kleinen Denkanstoß zu sorgen.

Habe ich das alles richtiggemacht? Ganz bestimmt nicht. Schließlich bedeutet das Gendersternchen mehr als nur die Einbeziehung der weiblichen Form. Aber ich bin sensibler geworden. Wenn in Projektbesprechungen von Krankenschwestern und Ärzten gesprochen wird, zucke ich unwillkürlich zusammen. Was in der Pharma- und Biotechbranche häufig unkommentiert durchgeht, würde in den Sozialwissenschaften für Diskussionspotential sorgen. Von den sogenannten „sozialen“ Medien ganz zu schweigen.

Fazit: Bei Auftragsprojekten in deutscher Sprache sollte die Gretchen-, pardon Genderfrage vorab geklärt sein – und am besten schon in den Corporate Guidelines auftauchen.